Studenten in Rinteln – was für schreckliche Kerle!
Vom 19. bis zum 25. August können Schüler und Erwachsene in Rinteln an der „Sommeruniversität" ein „Studium Generale" absolvieren. Mit diesem Angebot, das auf ein Universitätsstudium vorbereiten soll, knüpft die Stadt an eine alte Tradition an: ihre fast 200jährige Geschichte als Universitätsstadt
(cok) Am Beginn des 17. Jahrhunderts gab es weder in Hamburg noch in Bremen, weder in Hannover noch in Berlin eine Universität. Aber die kleine Stadt Rinteln an der Weser im kleinen Fürstentum Schaumburg, sie eröffnete im Juli 1621 ihre „Ernstina" und war, was viele heutige Rintelner gar nicht mehr richtig wissen, fast 200 Jahre lang eine echte Universitätsstadt, ausgestattet mit dem schwer zu ergatternden (und teuer zu bezahlenden) kaiserlichen Privileg, ohne das keine akademischen Grade wie Magister- und Doktortitel verliehen werden durften.
Die Stadt selbst gab sich damals allerdings alles andere als begeistert von der neuen Ehre, die ihr der Uni-Gründer Fürst Ernst zugedacht hatte. Das bäuerliche Stadtleben war so gar nicht auf einen Ansturm von jungen anspruchsvollen Akademikern und ihren Professoren eingerichtet: Schon wurde von höchster Stelle arrogant gefordert, dass die stinkenden Misthaufen vor den Türen der Ackerbürger zu beseitigen wären (aber wohin?), dass gefälligst bessere Waren als bisher im Angebot zu sein hätten und ja genug Bier und Wein für durstige Studentenkehlen. Neuer Wohnraum musste organisiert, ein Kredit aufgenommen werden, für den Bau einer Apotheke, und natürlich galt es, eine Studentenkneipe zu eröffnen, die „Universitätskomisse".
Das alles versprach zwar einerseits einen wirtschaftlichen Aufschwung. Andererseits aber war abzusehen, dass das Zusammenleben mit Professoren und Studenten auch seine ärgerlichen Seiten haben würde. Steuern brauchten die Universitätsangehörigen sowieso nicht zu bezahlen. Und wenn Studenten sich etwa weigerten, ausstehende Rechnungen zu begleichen oder sonst für einen angerichteten Schaden einzustehen, dann war es höchst schwierig, oft unmöglich, seine Rechte einzuklagen, da die Universitätsangehörigen nicht der städtischen Gerichtsbarkeit unterstanden.
Zu den Sonderrechten der Studenten zählte übrigens auch eines, das nebenbei anschaulich macht, wie einfach die damaligen Lebensverhältnisse waren: Im Gegensatz zu allen anderen Einwohnern brauchten Studenten, die bei ihrem Professor einquartiert waren, nicht dreimal laut „Kopf weg!" zu warnen, bevor sie ihren Nachttopf aus dem Fenster auf die Straße ausleerten, sondern nur ein einziges Mal. Wer weiß, wie oft ein Vorbeigehender im selben Moment, da er den Warnruf hörte, auch schon eine höchst unangenehme Dusche von oben erhielt...
Kein Wunder also, dass sich im Rintelner Stadtarchiv allerlei Klagen darüber finden lassen, was für schreckliche Kerle die Studenten gewesen seien, die nachts betrunken lärmend durch das Städtchen zogen, Fensterscheiben einschlugen, brave Bürger straflos verprügelten und sogar in einem Mordfall gimpflich davonkamen. Immerhin lebten zeitweilig bis zu 200 Studenten in einer Stadt, die insgesamt keine 3000 Einwohner hatte.
Alles in allem aber war das Studentenleben in Rinteln wohl ganz gemütlich (wenn nicht gerade die Pest herrschte oder während des 30jährigen Krieges marrodierende Truppen durch die Stadt zogen..). Das Verhältniss von Professoren und Studenten war beneidenswert eng und vertraut, das Essen zumindest im „Studentenwohnheim", der sogenannten „Kommunität" in den Räumlichkeiten der Universität, reichhaltig, deftig, mit viel Fleisch und reichlich Bier, und schließlich wollten ja alle ihre Prüfungen bestehen, um Theologe oder Jurist, Mediziner oder Lehrer zu werden.
Als „große" Universität ist die „Ernestina" nicht in die Geschichte eingegangen. Das lag unter anderem daran, dass sie, auch aus finanziellen Gründen, niemals den Sprung von einer mittelalterlich geprägten „Lehranstalt" zur modernen „Forschungsuniversität" machen konnte. Als sie 1810 aufgehoben wurde – es war der „Besetzer" Napoleon, der die Aufhebung der meisten kleinern Universitäten, von denen es inzwischen fünf in seinem Gebiet gab, befahl – da war es vielleicht gar nicht so schade darum.
Allerdings: Auch die heute berühmte Universität Marburg, die bestehen bleiben durfte, war damals ähnlich rückständig wie die Rintelner Uni. „Mit etwas mehr politischem Glück könnte die Ernestina ein sehr lebendiger Bestandteil der bundesdeutschen Hochschullandschaft sein", so sagt es der Historiker Gerhard Schormann mit leichtem Bedauern in einem Aufsatz über die Rintelner Universitätsgeschicht.