Von Cornelia Kurth
Oft, wenn ich durch die Straßen und Gassen meiner kleinen Stadt gehe, Rinteln an der Weser, dann wünschte ich, eine Zeitmaschine führte mich so 370 Jahre in der Zeit zurück. O, ich weiß, im 17. Jahrhundert durchströmten die Truppen des 30jährigen Krieges die Stadt und mehr als einmal wurden die Bürger übel ausgeraubt; es gab Jahre der Pest und der Überschwemmung und manche Hexe wurde hier jämmerlich dem Scheiterhaufen übergeben.
Aber damals war das Rinteln mit seinen knapp 3000 Einwohnern eine richtige Universitätsstadt! Professoren und Studenten zog es an die 1621 vom ehrgeizigen Fürst Ernst von Schaumburg gegründete „Ernestina" zu einem Zeitpunkt, als in Hamburg und Berlin, in Bremen und Hannover noch nichts von einem zukünftigen akademischen Leben zu spüren war. Wie wohl lebte es sich in einem Städtchen, das teilweise noch ins Mittelalter zu gehören schien und andererseits ein Ausgangspunkt für Forschung und Bildung sein wollte?
Schon ein oberflächliches Studium alter Dokumente zeigt, dass sich die Rintelner Bürger vor Ort alles andere als begeistert oder gar stolz darüber gaben, dass das alte innerstädtische Benedikinerkloster zur Universität werden sollte. Nicht nur sahen sie, zu Recht, höchst unangenehme Kosten für deren Unterhalt auf sich zukommen, sondern es empörte sie auch, dass es plötzlich zum Beispiel hieß, sie, die überwiegend von der Landwirtschaft lebten, sollten nun gefälligst die Misthaufen vor ihren Ackerbürgerhäusern beseitigen, bevor die anspruchsvollen Akademiker daran Anstoß nehmen könnten. Auch am Warenangebot, mit dem bisher doch alle zufrieden gewesen waren, wurde von den fürstlichen Planern arrogant herumgemäkelt, und für den Bau einer geforderten Apotheke musste sogar ein Kredit aufgenommen werden.
Außerdem wurden die Studenten eindeutig in allzu vieler Hinsicht bevorzugt! Normale Bürger, die ihren Nachttopf, wie es damals offensichtlich üblich war, aus dem Fenster auf die Straße entleeren wollten, hatten vorübergehende Passanten dreimal laut mit dem Ruf: „Kopf weg!" zu warnen. Wie ungerecht nun, dass Studenten, die bei einem Professor logierten, das Vorrecht genossen, schon nach einem einzigen Ruf den Unrat auskippen zu dürfen! Zumal Wort und Tat oft allzuschnell aufeinander folgten...
Hinzu kam, dass die Sperrstunde für Universitätsangehörige nicht galt und die armen Nachtwächter ihre liebe Not hatten, ihre Aufgabe zur Zufriedenheit der arbeitenden Bevölkerung zu erfüllen. So manchen nächtlichen Streich spielten ihnen die trunkenen Studenten, und wenn man sie zur Rechenschaft ziehen wollte, dann lachten sie nur: Ein grundsätzliches Problem im Miteinander bestand nämlich darin, dass Studenten der normalen Gerichtsbarkeit entzogen waren. Schulden, die sie machten, waren schwerlich einzutreiben, Schäden, die sie verursachten, wurden kaum ersetzt und kam manch einer für besonders üble Vergehen in den durchaus vorhandenen Universitätskarzer, dann ging es dort, nach allem, was man hört, recht lustig und weinseelig zu.
Anderseits beschwerten sich auch die Akademiker nicht schlecht: Bornierte Bauern, die einen schon in der Frühe mit dem aufdringlichen Knallen von Dreschflegel wecken, so beschrieb später ein Professor voller Verachtung die wackeren Rintelner, die sich mit diesen morgendlichen Arbeitslärm wahrscheinlich (nicht anders als heutzutage nur zu gern die Straßenarbeiter...) dafür rächten, dass die Langschläferstudenten des Nachts mal wieder aus der extra für sie eingerichteten „Universitätskomisse" herausgetorkelt kamen, unverschämt krakeelten und hier und da ungestraft die Fensterscheiben einwarfen...
Auch waren die Studenten nicht gerade erfreut, dass ihre ursprünglich großzügig angesetzten Stipendien bald arg gekürzt wurden und kaum Geld für eine halbwegs brauchbare Bibliothek zur Verfügung stand. Aber was sollte man tun? Der Krieg hatte die Kassen erschöpft und von den Professoren waren keinerlei Steuereinnahmen zu erwarten, im Gegenteil, sie erhielten mietfreie „Professorenhäuser" und schnappten den Bürgern auch noch studentische Untermieter weg, ohne dass ein Anteil der eingenommenen Miete in die Stadtkasse zurückgeflossen wäre.
Ja, soviel die Stadthistoriker auch suchten in den alten Berichten, es scheint, dass weder die Universitätsangehörigen ein gutes Wort für die Bürger der Stadt, noch die Rintelner ein nettes Angedenken an die Studenten hinterlassen haben. Auch im Heimatmuseum fällt in der entsprechenden Abteilung als erstes ein großes Gemälde ins Auge, dass übermütige Studenten bei Saufen zeigt...
Und trotzdem! Wie hübsch muss auch schon damals das Städtchen gewesen sein, mit seinen Fachwerkhäuschen und den Rittergütern innerhalb der Stadtmauern, mit den hohen Ackerbürgerhäusern, der lutherischen und der reformierten Kirche und vor allem dem großzügigen Marktplatz, von dem aus die Hauptstraße hin zur gemächlich fließenden Weser führt. Prächtig stand mitten in der Stadt das Rathaus aus Obernkirchener Sandstein, ein inzwischen weithin bekanntes Denkmal der Weserrenaissance. Die Professorenhäuser waren groß und schön und boten Platz für gelehrte Gespräche nach Feierabend. Und auch der Speiseplan in der „Kommunität", der Mensa, sah gar nicht übel aus.
Was nun die Inhalte der Lehre betrifft, so wäre man als ein heutiger mit der Zeitmaschine zurückversetzer Mensch allerdings ziemlich schockiert: Wie noch bis ins 19. Jahrhundert hinein an den meisten deutschen Universitäten gab es auch in Rinteln nur die vier mittelalterlichen Fakultäten, nach deren Studium auch mit „heißem Bemühn" schon Doktor Faustus klagte, er sei „so klug, als wie zuvor": Philosophie, Juristerei, Medizin und Theologie, allesamt ziemlich unberührt von einem Geist der Aufklärung, wie er in Frankreich und Italien schon lange wehte und in Göttingen, gar Königsberg, immerhin zu atmen begann. An den Durchschnittsuniversitäten aber hielten die Professoren am überlieferten Kanon fest und zeigten sich selten geneigt, einen Schritt in das weite Feld der Forschung zu wagen.
Einer der Rintelner Professoren allerdings, Hermann Goehausen, ein ganz junger Jurist aus dem katholischen Ostwestfalen, er trat bereits 1630 hervor mit einer eigenen Veröffentlichung auf einem überaus heiklem Gebiet: Der Frage nämlich, in welchen Fällen Menschen als Hexen oder Zauberer angeklagt werden durften und mit was für Mitteln sie gegebenenfalls „befragt" werden sollten. Im weiten Umkreis, bis hin nach Minden, Lemgo, Loccum, ja Bremen, waren es die Juristen der „Ernestina", die zu Rate gezogen werden mussten.
Dass kaum jemand der Anklage entkam und dass praktisch immer die „peinliche Befragung", die Folter, angeordnet wurde, war eindeutig Professor Goehausens tödliches Verdienst.
In messerscharfer Argumentation zeigt er in seinem jahrzehntelang tonangebenden Buch „Processus juridicus", dass man Hexen nur dann als solche erkennen könne, wenn man die Verdächtigten der Folter unterwerfe. Ohne dieses großartige „Mittel der Wahrheitsfindung" gäbe es in der naturgemäß nur schwer nachweisbaren Hexerei keine Geständnisse (und ganz ohne Geständnis sollte die Verurteilung zum Tode nun auch nicht erfolgen...) Die Erfolgsquote an überführten Hexen war sehr befriedigend.
Diese Praxis der Rechtsprechung änderte sich auch nicht durch eine weitere in Rinteln gedruckte Veröffentlichung zum Thema, die dafür aber berühmt wurde als ein beeindruckendes Dokument der Aufklärung, und vielleicht auch manchem Studenten zu Denken gab: Beim mutigen Rintelner Universitätsbuchdrucker Peter Lucius erschien, zunächst anonym, Friedrich von Spees Streitschrift gegen die Hexenverfolgung („Cautio Criminalis", 1631). In einem geradezu verzweifelt brilliantem Diskurs nennt Spee, ein Paderborner Jesuitenpater, der nur zu oft „Hexen" auf dem Weg in den Tod begleiten musste, praktisch alle verfügbaren Argumente, die auch heute noch gegen die Folter sprechen. Vielleicht hatte er Goehausen ja sogar überzeugt, mit dem er ja einer Meinung darin war, dass ohne Folter weder Geständis noch Nachweis der Hexerei möglich sei, aber Goehausen starb kurz nach Veröffentlichung des Buches.
Kann die kleine Stadt heute stolz sein auf ihre historische Universität? Als das an Universitäten reiche Preußen eine weitere, große Lehranstalt in Berlin plante, schickte es 1789 einen Beamten auf Deutschlandreise, damit er alle 14 außerpreußischen Universitäten einer Art „Uni-Ranking" unterzöge. In seinem Buch über die „Academia Ernestina" (1982) zitiert der Historiker Professor Gerhard Schormann genüßlich aus den erhaltenen Berichten, die ein wahrlich tragikkomisches Bild der deutschen Hochschullandschaft geben. Bis auf die aufstrebende und finanziell bestens ausgestattete Göttinger Universität kommen alle anderen über die Note „mangelhaft" nicht hinaus.
Nicht nur niedrige Professorengehälter, dürftige Ausstattung an Lehrmitteln, todlangweilige Vorlesungen, die obendrein recht häufig ganz ausfielen, und uninteressierte Studentenschaften mit einem „rohen, wilden" Lebenswandel musste der Beamte registrieren, sondern auch Professoren, die durch „Eitelkeit" und sinnlose „Streitsucht" das akademische Streben zum Erliegen brachten. In Erlangen, das noch am besten wegkam, charakterisiert er die Vorlesungen der Theologen als „zu schnell", „zu trocken", „zu undeutlich" und „zu wortreich". Die Juristen seien teils „zu ängstlich", teils „zu monotonisch und die Stimme unangenehm" und insgesamt sieht er unter den Lehrenden überall nur Hypochonder und verschrobene Sonderlinge. Über die Erfurter Uni gar stellt er vernichtend fest: „eine veralterte, gleichsam schon im Todesschlummer liegende Universität."
Über Rinteln gibt es keine überlieferte Bewertung und das ist wahrscheinlich nur gut so. Und doch habe ich mich als Rintelner Bürgerin in letzter Zeit manchmal gefragt, was wohl wäre, wenn die „Ernestina" nicht im Jahr 1810, kurz nachdem sie mit allen Kräften den Anschluss an einen modernen Anspruch gesucht hatte, für immer ihre Tore geschlossen hätte. Schließlich haben auch die heute bedeutsamen Universitätsstädte Marburg, Heidelberg oder Gießen nicht den geringsten Grund, das Uni-Ranking von 1789 an die große Glocke zu hängen. Hätte der Bruder des Besatzers Napoleon nicht so viele Finanzmittel für seinen aufwändigen Hofstaat gebraucht und neben fast allen kleinen Hochschulen in seinem Einzugsgebiet auch die „Ernestina" geschlossen, dann brauchte ich zumindest nicht darüber zu fluchen, dass es hier keinen einzigen anständigen Buchladen gibt.